Warum kluge Menschen an einfachen Entscheidungen scheitern

Sie wissen genau, was zu tun ist. Sie tun es trotzdem nicht. Die Ursache liegt nicht im Denken, sondern in einem inneren Konflikt, den die meisten nicht einmal bemerken.

Warum kluge Menschen an einfachen Entscheidungen scheitern

Warum kluge Menschen an einfachen Entscheidungen scheitern

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust." Goethe schrieb das 1808. Über zweihundert Jahre später sitzt ein C-Level-Manager vor mir und beschreibt exakt dasselbe Problem. Nur nennt er es "Ich brauche noch mehr Daten."

Er braucht keine Daten. Er hat alle Daten. Er weiß genau, was zu tun ist. Trotzdem passiert nichts.

Ich bin Arzt. In meiner Arbeit mit Führungskräften sehe ich dieses Muster jede Woche. Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz, die komplexe Organisationen führen, Millionenbudgets verantworten und unter Zeitdruck strategische Entscheidungen treffen. Dieselben Menschen scheitern an Entscheidungen, die ein Außenstehender in fünf Minuten treffen würde. Den toxischen Mitarbeiter entlassen. Die Preise erhöhen. Das Jobangebot annehmen. Nein sagen.

Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz. Das Problem ist unsichtbar.

Goethe hatte recht. Hollywood auch.

In Hollywood-Filmen sitzt ein Engel auf der einen Schulter, ein Teufel auf der anderen. In Bayern nennt man es "innere Dämonen." In der Psychologie sprechen wir von inneren Anteilen.

Richard Schwartz beschrieb 1995 in seinem Internal-Family-Systems-Modell, was Therapeuten schon lange beobachtet hatten: Unsere Psyche besteht nicht aus einem einheitlichen "Ich." Sie besteht aus verschiedenen Anteilen, die eigene Perspektiven, eigene Ängste und eigene Ziele haben. Manche nennen sie innere Kinder. Manche nennen sie Subpersönlichkeiten. Goethe nannte sie zwei Seelen.

Der Name spielt keine Rolle. Was zählt: Diese Anteile arbeiten gegeneinander.

Warum Stillstand entsteht

Kurt Lewin beschrieb 1935 den doppelten Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. Zwei Optionen, jede mit positiven und negativen Aspekten. Jedes Mal, wenn Sie sich einer Option nähern, werden die negativen Aspekte stärker sichtbar. Sie ziehen sich zurück. Nähern sich der anderen Option. Dasselbe passiert. Sie pendeln. Und nennen es "abwägen."

Ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis. Ein Manager, Ende 40, bekommt ein Angebot: mehr Gehalt, mehr Verantwortung, Karrieresprung. Der Haken: längere Pendelzeit, weniger Familie, mehr Reisen. Offensichtlich eine gute Gelegenheit. Trotzdem sitzt er seit Wochen fest.

Nicht weil die Entscheidung kompliziert ist. Sondern weil zwei innere Anteile gleichzeitig Alarm schlagen.

Ein Anteil sagt: Wenn du nicht annimmst, bist du ein Versager. Karriere ist wichtig. Du musst liefern.

Ein anderer Anteil sagt: Wenn du annimmst, bist du ein schlechter Vater. Familie geht vor. Du verpasst die Kindheit deiner Kinder.

Egal welche Richtung er einschlägt, ein schlechtes Gefühl wartet. Also bewegt er sich gar nicht. Er sammelt Informationen. Erstellt Pro-Contra-Listen. Fragt Freunde. Wartet auf ein Zeichen.

Van Harreveld und Kollegen zeigten 2009 in einer Reihe von Experimenten: Ambivalenz erzeugt nur dann psychologisches Unbehagen, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Solange man "noch nachdenkt", bleibt man in einer Zone ohne Schmerz. Nachdenken ist keine Analyse. Es ist Schmerzmanagement.

Die Zukunft, die nicht existiert

Hier wird es interessant. Beide Gefühle, vor denen dieser Manager Angst hat, Versagergefühl und schlechter-Vater-Gefühl, existieren nicht. Sie sind Vorhersagen über eine Zukunft, die er nicht kennt.

Wilson und Gilbert zeigten 2005 in ihrer Forschung zum Affective Forecasting, dass Menschen systematisch überschätzen, wie intensiv und wie lange zukünftige Gefühle anhalten werden. Sie nannten es den Impact Bias. Wir glauben, eine falsche Entscheidung wird uns emotional zerstören. In Wirklichkeit passen wir uns schneller an, als wir denken. Unser psychologisches Immunsystem ist robuster, als wir ihm zutrauen.

Einfach gesagt: Das Gefühl, vor dem Sie weglaufen, ist eine Fiktion.

Seit wann können Sie zuverlässig in die Zukunft sehen? Wenn das wirklich funktionieren würde, gäbe es kein Lotto.

Was beim Manager passierte

Zurück zum Fall. Der Manager saß fest, weil er gleichzeitig zwei Gefühle vermied. In unserer Zusammenarbeit passierte etwas Entscheidendes: Er hörte auf, vor diesen Gefühlen wegzulaufen. Er schaute hin. Nicht auf die Entscheidung. Auf die Anteile dahinter.

Das "Versager"-Gefühl stammte nicht aus der aktuellen Situation. Es war eine alte Erfahrung. Genauso das "schlechter Vater"-Gefühl. Beides waren nicht verarbeitete Erfahrungen aus seiner Kindheit, die in einer erwachsenen Entscheidungssituation aktiviert wurden.

Als er das erkannte, passierte etwas Unerwartetes. Die Energie, die er wochenlang im inneren Konflikt verbrannt hatte, wurde frei. Er ging in die Verhandlung und handelte eine 50:50-Homeoffice-Regelung heraus. Auf C-Level-Niveau. Eine beeindruckende Leistung.

Nicht weil er plötzlich schlauer war. Sondern weil er wusste, was er wollte. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er keine zwei Stimmen mehr, die gleichzeitig schrien.

Das Muster, das niemand sieht

Einfache Entscheidungen sind schwerer als komplexe. Das klingt paradox, aber die Logik dahinter ist klar.

Bei komplexen Entscheidungen gibt es ein Versteck. Sie können sich hinter Analyse verstecken, hinter Beratern, hinter Daten. Niemand kritisiert Sie für Gründlichkeit.

Bei einfachen Entscheidungen gibt es kein Versteck. Sie wissen, was richtig ist. Alle wissen es. Das Einzige, was zwischen Ihnen und der Entscheidung steht, ist ein Gefühl, das Sie nicht fühlen wollen.

Und hier schließt sich der Kreis zu Goethe. Die zwei Seelen in der Brust des Faust sind keine literarische Übertreibung. Sie sind eine psychologische Realität, die Garcia-Guerrero und Kollegen 2022 sogar in Handbewegungen messen konnten: Menschen im Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt bewegen sich buchstäblich hin und her, bevor sie eine Richtung einschlagen.

Der Unterschied zwischen Menschen, die an einfachen Entscheidungen scheitern, und Menschen, die sie treffen? Nicht Intelligenz. Nicht Mut. Nicht Willenskraft.

Sondern die Bereitschaft, ein unangenehmes Gefühl zu fühlen, statt es zu vermeiden.

Die gute Nachricht: Diese Bereitschaft ist trainierbar. Und sie verändert alles.


Verwendete Quellen mit URLs:

  1. Lewin, K. (1935). A Dynamic Theory of Personality: Selected Papers. McGraw-Hill. https://psycnet.apa.org/record/1935-03995-000

  2. Schwartz, R.C. (1995). Internal Family Systems Therapy. Guilford Press. https://www.guilford.com/books/Internal-Family-Systems-Therapy/Schwartz-Sweezy/9781462541461

  3. Wilson, T.D. & Gilbert, D.T. (2005). Affective Forecasting: Knowing What to Want. Current Directions in Psychological Science, 14(3), 131-134. https://doi.org/10.1111/j.0963-7214.2005.00355.x

  4. van Harreveld, F., Rutjens, B.T., Rotteveel, M., Nordgren, L.F. & van der Pligt, J. (2009). Ambivalence and decisional conflict as a cause of psychological discomfort: Feeling tense before jumping off the fence. Journal of Experimental Social Psychology, 45(1), 167-173. https://www.researchgate.net/publication/221963887

  5. Garcia-Guerrero, S., O'Hora, D., Zgonnikov, A. & Scherbaum, S. (2022). The action dynamics of approach-avoidance conflict during decision-making. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 76(1), 160-179. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9773158/

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