Warum 70% der Familienvermögen in der zweiten Generation verschwinden

Die erste Generation baut auf, die zweite erhält, die dritte zerstört. Alle sagen: Inkompetenz. Ich sage: Bindungsvakuum. Die wahre Ursache ist keine finanzielle.

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Warum 70% der Familienvermögen in der zweiten Generation verschwinden

70% aller wohlhabenden Familien verlieren die Kontrolle über ihr Vermögen bis zur dritten Generation. Das zeigte die Langzeitstudie von Williams und Preisser an 3.250 Familien. Die Standarderklärung: verwöhnte Erben, fehlende Finanzkompetenz, keine Disziplin.

Ich bin Arzt. Ich sehe etwas anderes.

In meiner Arbeit mit Unternehmerfamilien begegnet mir ein Muster, das kein Vermögensberater adressiert. Kein Family-Office-Consultant. Kein Steuerberater. Weil es nicht auf der Sachebene liegt. Es liegt auf der Verhaltensebene. Und Verhalten wird von Gefühlen gesteuert, nicht von Governance-Strukturen.

Die Standardgeschichte stimmt nicht

Erste Generation baut auf. Zweite Generation erhält. Dritte Generation zerstört. Dieses Narrativ ist bequem. Es gibt der dritten Generation die Schuld. Unverantwortlich. Verwöhnt. Gen Z. Millennials, die nie etwas leisten mussten.

Das ist keine Analyse. Das ist Projektion.

Williams und Preisser fanden heraus, dass 60% aller gescheiterten Vermögenstransfers auf mangelndes Vertrauen und fehlende Kommunikation innerhalb der Familie zurückgehen. Nicht auf fehlende Finanzbildung. Nicht auf schlechte Anlagestrategien. Nicht auf juristische Fehler. Weniger als 5% der Failures hatten technische Ursachen.

60% sind Beziehungsprobleme. Das sollte jeden Patriarchen und jede Matriarchin aufhorchen lassen.

Die Maslow-Pyramide steht auf dem Kopf

Die erste Generation hatte ein klares Ziel: Überleben. Dann Wohlstand aufbauen. Dann Selbstverwirklichung. Die Maslow-Pyramide von unten nach oben, Stufe für Stufe. Physiologische Bedürfnisse zuerst, dann Sicherheit, dann Zugehörigkeit, dann Anerkennung, dann Selbstaktualisierung.

Die zweite Generation hatte ein anderes Ziel: Erhalten. Verantwortung tragen. Den Erwartungen gerecht werden. Diese Generation investierte ihre gesamte Energie in die oberen Stufen der Pyramide, in Leistung und Pflichterfüllung, oft auf Kosten der eigenen Beziehungen.

Und die dritte Generation? Die sitzt ganz oben auf der Pyramide. Materiell ist alles vorhanden. Sicherheit, Wohlstand, Status. Aber die Basis fehlt. Zugehörigkeit. Liebe. Echte Verbindung. Die emotionalen Grundbedürfnisse, die Maslow auf den unteren Stufen platzierte, wurden nie erfüllt. Nicht weil die Eltern böse waren. Sondern weil sie beschäftigt waren.

Suniya Luthar von der Columbia University dokumentierte 2003, was passiert, wenn materielle Versorgung emotionale Verbindung ersetzt. Ihre Forschung zeigte: Wohlhabende Jugendliche hatten höhere Raten von Depression, Angst und Substanzmissbrauch als Jugendliche aus einkommensschwachen Innenstadtvierteln. Nur 65% der Jugendlichen aus wohlhabenden Familien berichteten eine enge Beziehung zur Mutter. Bei einkommensschwachen Familien waren es 75%.

Lesen Sie das nochmal. Kinder aus armen Familien fühlten sich ihren Müttern näher als Kinder aus reichen Familien.

Was ich in der Praxis sehe

Ein junger Mann. Alles bekommen. Autos. Reisen. Partys. Die neuesten Handys. Er hat sogar die Greencard-Lotterie gewonnen. Buchstäblich vom Leben beschenkt.

Aber er war nicht bereit, sich den Schmerz anzugucken, der in ihm war. Die Leere. Die fehlende Verbindung. Also zerstörte er systematisch jede Beziehung, die ihm hätte helfen können. Freundschaften. Die Beziehung zur Mutter. Therapeuten. Ärzte. Jeden, der ihm nahe kam, torpedierte er.

Nicht aus Bosheit. Nicht aus Verantwortungslosigkeit. Sondern weil Nähe den Schmerz aktiviert hätte, den er seit der Kindheit vermied.

Das Ergebnis: zutiefst unglücklich. Trotz aller materiellen Möglichkeiten. Und leider jemand, den man nicht mehr erreichen konnte.

Das Dreiergespann: Leere, Trauer, Scham

Hayes und Kollegen beschrieben 1996 das Konzept der Experiential Avoidance: Menschen vermeiden unangenehme innere Erfahrungen, selbst wenn diese Vermeidung langfristig zerstörerisch wirkt. In meiner Arbeit mit Unternehmerfamilien sehe ich drei Gefühle, die besonders häufig vermieden werden.

Innere Leere. Das Gefühl, dass trotz allem etwas Wesentliches fehlt. Kein Auto und keine Reise füllt dieses Loch.

Trauer. Um die Kindheit, die materiell perfekt und emotional arm war. Um die Eltern, die physisch anwesend und emotional abwesend waren.

Scham. Das Gefühl, undankbar zu sein. "Mir wurde alles gegeben. Was stimmt nicht mit mir, dass ich trotzdem unglücklich bin?"

Diese drei Gefühle bilden ein toxisches Dreieck. Die Leere treibt zum Konsum. Die Trauer wird betäubt. Die Scham verhindert, dass jemand Hilfe sucht. Und jeder Euro, der für die nächste Ablenkung ausgegeben wird, ist keine Verschwendung aus Verantwortungslosigkeit. Es ist Schmerzvermeidung.

Doyle und Cicchetti zeigten 2017, dass unsensible Betreuung in der Kindheit, also emotionale Nichtverfügbarkeit der Bezugspersonen, zu unsicherer Bindung führt. Diese unsichere Bindung erzeugt ein inneres Arbeitsmodell, in dem Beziehungen als unsicher und das eigene Selbst als nicht liebenswert gespeichert werden. Diese Muster überdauern die Kindheit. Sie bestimmen das Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter. Und sie bestimmen den Umgang mit Vermögen.

Warum Vermögensberater das Problem nicht lösen

Ein Vermögensberater sieht Zahlen. Governance-Strukturen. Stiftungsmodelle. Anlagestrategien. Er arbeitet in der Ursache-Wirkungswelt: Wenn Struktur X, dann Ergebnis Y.

Ich sehe Verhalten. Und Verhalten folgt keiner Struktur. Verhalten folgt Gefühlen.

Sie können die beste Family-Governance der Welt aufsetzen. Wenn der Sohn innerlich leer ist und diese Leere mit dem dritten Sportwagen füllt, hilft kein Governance-Dokument. Wenn die Tochter sich schämt, über ihre Trauer zu sprechen, rettet keine Familienkonferenz das Vermögen. Wenn der Patriarch nicht loslässt, weil Loslassen Kontrollverlust bedeutet und Kontrollverlust Angst auslöst, nützt der beste Nachfolgeplan nichts.

Die Frage ist nicht: Haben Sie eine Vermögensstrategie?

Die Frage ist: Wie viel ehrliche und verletzliche Verbindung halten Sie zu Ihren Familienmitgliedern?

Was das für Unternehmerfamilien bedeutet

Die 70% Failure-Rate bei Vermögenstransfers ist kein Finanzproblem. Es ist ein Bindungsproblem. Die erste Generation war zu beschäftigt mit Aufbauen. Die zweite Generation war zu beschäftigt mit Erhalten. Die dritte Generation erbte Geld, aber keine emotionale Sicherheit.

Das ist keine Generationenkritik. Das ist eine systemische Dynamik, die sich vorhersehbar wiederholt. Und die sich ändern lässt. Nicht durch bessere Stiftungsstrukturen. Nicht durch Finanzseminare für Erben. Sondern durch die Bereitschaft, hinzuschauen, was wirklich fehlt.

Nicht auf dem Konto. Sondern in der Beziehung.


Verwendete Quellen mit URLs:

  1. Williams, R. & Preisser, V. (2003). Preparing Heirs: Five Steps to a Successful Transition of Family Wealth and Values. RDR Publishers. https://preparingheirs.com/our-story/

  2. Luthar, S. S. (2003). The Culture of Affluence: Psychological Costs of Material Wealth. Child Development, 74(6), 1581-1593. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1950124/

  3. Hayes, S. C., Wilson, K. G., Gifford, E. V., Follette, V. M. & Strosahl, K. (1996). Experiential Avoidance and Behavioral Disorders: A Functional Dimensional Approach to Diagnosis and Treatment. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 64(6), 1152-1168. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8991302/

  4. Doyle, C. & Cicchetti, D. (2017). From the Cradle to the Grave: The Effect of Adverse Caregiving Environments on Attachment and Relationships Throughout the Lifespan. Clinical Psychology (New York), 24(2), 203-217. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5600283/

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